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                <title>Julius an Barbara, Grabau, 8. Juni 1866</title>
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            <editionStmt><p>Julius und Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
                Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. <ref target="http://julius-und-barbara.de">http://julius-und-barbara.de</ref></p></editionStmt>
            <publicationStmt><publisher><ref target="http://orcid.org/0000-0002-6923-0950">Stefan Dumont</ref></publisher><pubPlace ref="http://www.geonames.org/2950159">Berlin</pubPlace><idno type="URLWeb">http://julius-und-barbara.de/D18660608.html</idno><idno type="URLXML">http://julius-und-barbara.de/D18660608.xml</idno><date when="2025-10-08+02:00"/></publicationStmt>
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                    <persName key="DP0001">Julius Dumont</persName>
                    <placeName key="DO0004">Grabau</placeName>
                    <date when="1866-06-08"/>
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                    <persName key="DP0002">Barbara Dumont</persName>
                    <placeName key="DO0007">Bergheimerdorf</placeName>
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                <opener>
                    <dateline>Grabau den 8/6 1866 <lb/>bei Eisenbahn Station <lb/>Schwarzenbeck der
                        Berlin <lb/>Hamburger-Eisenbahn</dateline>
					<salute>Mein herzensliebes Bärbchen!</salute>
                </opener>
				<p>Von <placeName key="DO0009">Dortmund</placeName> fuhren wir morgens <lb/>11 1/2 Uhr per
                    Eisenbahn, die ganze Nacht <lb/>durch bis zum Donnerstag morgen <lb/>6 Uhr nach
                        <placeName key="DO0010">Lauenburg</placeName>, wo wir die <placeName key="DO0011">Elbe</placeName>
                    <lb/>passirten und dann noch 5 Stunden <lb/>marschieren mussten. Du kannst dir
                    <lb/>vorstellen wie es uns allen ums Herz <lb/>war, als wir gestern Donnerstag 1
                    Uhr <lb/>in die Quartiere kamen, also über 24 <lb/>Stunden auf den beinen
                    waren.</p>
                <p>Doch kann ich dir versichern daß ich gesund <lb/>bin und die Strapazen wohl
                    ertrage. <lb/>In meinem Leben habe ich aber ein so <lb/>schlechtes Quartier
                    nicht gehabt, indem <lb/>hier in der That alles um 50 Jahre zurück <lb/>ist und
                    Reinlichkeit ein nicht bekann <lb/>ter Begriff zu sein scheint; jetzt begin<lb break="no"/>nen inder That die Entbehrungen <lb/>und muss man sich begnügen
                    mit dem<lb break="no"/>jenigen, was geboten ist.</p>
                <p>Grabau liegt 8 Stunden rechts von <lb/>Hamburg. 3 Stunden von der Holstein<lb break="no"/>schen Grenze, ein kleines Dorf, die Häuser <lb/>mit Stroh
                    gedeckt und auf jedem Dach <lb/>2 Storchfenster, welche hier beinahe Haus<lb break="no"/>thiere sind. Stallung und sonstige<pb n="2"/>
                    <lb/>Räumlichkeiten alles unter einem Dache <lb/>man glaubt in einer
                    holländischen Waf<lb break="no"/>felbäckerei u sein, indem ein Kamin <lb/>im
                    Hause <unclear reason="illegible" cert="low">recht</unclear> befindlich ist, der
                    Rauch zieht <lb/>im ganzen Hause herum und entweicht wo <lb/>er kann; die Betten
                    stehen nicht im Zimmer <lb/>sondern in <unclear reason="illegible" cert="high">förmlichen</unclear> Schränken der Wand; <lb/>mein Bett befindet sich unter
                    dem Treppen<lb break="no"/>haus und enthält nur Stroh, bedeckt mit  <lb/>grobem
                    Segelleinwand, mein Kofferüberzug <lb/>ist mein <unclear reason="illegible" cert="high">Teppich</unclear>, indem der scharfe Sand sehr <lb/>in die Füße
                        schneidet<supplied cert="high">.</supplied> Nachtgeschirr, <lb/>Abtritt und
                    Waschkübel sind vollständig <lb/>unbekannt, indem man alles zufinden
                        <lb/>weiß<supplied cert="high">.</supplied></p>
                <p>So liegen wir denn indem neuerwor<lb break="no"/>benen Ländchen an 7 bis 8000
                    Mann Land<lb break="no"/>wehr ohne allen Zweck, wahrscheinlich <lb/>um den
                    Leuten merken zu lassen daß <lb/>sie preußisch geworden sind und sich
                    <lb/>gleich uns, <unclear reason="illegible" cert="low">aussaug/pen</unclear>
                    lassen müssen. <lb/>Zum Kriege soll es nicht kommen, in <lb/>den man sonst
                    vorwärts machen würde; <lb/>man will nur inden Waffen üben <lb/>und
                    herumschleppen; wahrscheinlich kom<lb break="no"/>men wir nach Altona in
                    Holstein <lb/>was indessen noch niemand zu sagen <lb/>weiß.</p>
                <p>Beifolgende <unclear reason="illegible" cert="low">Pessscheine</unclear> lege zu
                    unsern  <lb/>Quittungen; die Beträge ließ ich von <lb/>Dortmund abgehen, indem
                    ich nicht soviel <lb/>Geld mitnehmen wollte, lasse mir<pb n="3"/>
                    <lb/>nun umgehends <unclear reason="illegible" cert="low">reine</unclear> Hemden
                    Strümpfe <lb/>und Unterhosen abgehen und adressir <lb/>das Paquet, wie
                    folgt:</p>
                <p>Sek Lieut D. bei der 21 Kompagnie <lb/>4ten Westph. Landwehr. Reg (Nr. 17)
                    <lb/>in Grabau bei Station Schwar<g ref="#typoHyphen"/><lb break="no"/>zenbeck
                    der Berlin-Hamburger Ei<g ref="#typoHyphen"/><lb break="no"/>senbahn
                    (Lauenburg)</p>
                <p>Ich habe bis jetzt noch immer Wäsche <lb/>gehabt und hoffe daß die deinige
                    <lb/>so zeitig eintrifft daß ich keinen <lb/>Mangel daran leide; Taschentücher
                    <lb/>habe ich hinlänglich; schicke alles in <lb/>einer Schachtel, die stark ist
                    und <lb/>die ich als Gepäck benutzen kann.</p>
                <p>Ich freue mich sehr darauf, con dir einen <lb/>Brief zu erhalten, des wir
                    Tröstung <lb/>inder Einsamkeit sein sol; Gott wird <lb/>hoffentlich gesund
                    erhalten und <lb/>mich dir baldigst wieder zuführen; <lb/>die Möglichkeit, an
                    deinen Wochen<lb break="no"/>bette zu sein, ist mir nunmehr voll<lb break="no"/>ständig genommen und kannst du dir <lb/>vorstellen, wie ich deshalb verstimmt
                    <lb/>bin; die Reise würde sehr kostspielig <lb/>werden und kann ich dieselbe
                    schwerlich <lb/>ausführen; der wichtigste Tag rückt bald <lb/>heran und hoffe
                    ich, daß Du mit Muth <lb/>und Kraft demselben entgegensiehst; die <lb/>Sachen
                    werden von <placeName key="DO0001">Kgwinter</placeName> bei dir
                    <lb/>eingetroffen sein und wollen wir<pb n="4"/>
                    <lb/>hoffen, daß ihr einen tüchtigen Jungen <lb/>taufen werdet, der uns allen
                    Ehre <lb/>machen wird. Wenn ich dann aus dem <lb/>Kriege komme, so legst du mir
                    unser <lb/>Kind in die Arme und wollen wir <lb/>dann dem Allmächtigen danken
                    <lb/>daß er uns vor Leid bewahrt hat<supplied cert="high">.</supplied></p>
				<closer>
					<salute>Grüße an Vater, Mutter und Ohm  <lb/>Anton, sowie auch an dich den herzlichs<lb break="no"/>ten Gruß und Kuss <lb/>Dein dich immer treuliebender
                        <lb/>Gatte</salute>
					<signed>Julius.</signed>
				</closer>
            </div>
            <postscript>
                <p>Füge mir auch noch 3 Handtücher <lb/>bei, indem man solche bei den <lb/>Bauern
                    hierselbst kaum kennt</p>
            </postscript>
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