Julius an Barbara, Wesel, 29. Mai 1866
Wesel, 29/5 1866
Mein herzensliebes Fräuchen!
Ich sitze auf der Wachtstube der Citadelle als wachthabender Offizier und habe so eben deinen lieben Brief vom 27ten M. gelesen, den ich Dir umgehend beantworten will da ich sehr große Sehnsucht habe, mit Dir Etwas zu plaudern.
Meinen großen Brief von gestern worin meine Versetzung ins 2te Aufgebot enthalten, hast Du wahrscheinlich in Händen.
Du kannst Dir nicht denken, wie man sich freut vom Liebsten, was man hat auf erden, einen Brief zu erhalten; ich fühle dich dann an meiner Seite und glaube gar nicht, daß ich von dir getrennt bin; wenn ich dann den briefe gelesen, lebe ich mich in meiner Einsamkeit wieder hinein und tröste mich mit dem Gedanken, daß es noch schlimmer hätte kommen können. Du bist wohl und gesund und so bin auch ich beruhigt; im Uebrigen vertraue2| ich auf Gott, der Alles zum Besten lenken wird.
Otto schreibt mir heute einen großen Brief; er steht in Rodenkirchen und marschiert am Freitag Nacht 4 Uhr nach Sachsen (Halle) Joseph Steinbückel ist nach Luxemburg mit dem Cölner-Landwehrbataillon – wird ihm auch nicht gemundet haben da er durch die Eifel marschieren muss.
Da ich in Wesel bleibe, so brauchst Du mir keinen Bittern zu schicken; und auch keine Jacke, mit Hemden bin ich auch noch reichlich versehen und wünsche im Uebrigen mir Strümpfe zu erhalten. Sonst Etwas brauchst Du mir auch nicht zu schicken, indem ich am 1ten über 60 Thlr erhalte, wovon eine Portion nach Calcar wandern soll.
Wir haben fast gar keinen Dienst, da fast alle Leute zur Arbeit commandirt sind; ich esse mit den übrigen Offizieren im Militaircasino und brauchst Du dir gar keine Sorgen zu machen.
3|Nach Calcar habe ich heute Morgen bereits geschrieben; der junge Supher und Schuster Jansen aus der Mondstraße sind schon entlassen.
Es freut mich sehr, daß du für das bevorstehende wichtige Ereignis bedacht bist; was wird es mir eine Freude sein, unsern Sprössling in Empfang nehmen zu können Hast Du auch fleißig in Amman[1] gelesen und sind die Sachen von Kgswinter angekommen; lasse es dir an Nichts fehlen, indem du hierin meine Ansicht kennst.
Sollten die Wehen zur Geburt eintretenm so gib mir von Horrem per Thelegraph sofort Nachricht ich reise dann schleunigst von hier ab. Du sendest einen Boten per Post nach Horrem [2]und lässt thelegraphieren:
Lieutenant Dumont in Wesel. (meine Wohnung, welche sich übermor gen ändert, werde ich nächstens angeben) Komme sofort nach Bergheim.
Ich erhalte auf alle Fälle Urlaub4| und bin dann schleunigst bei dir. Ohm Anton soll einen Brief schon jetzt bereit legen, damit der Bote sofort nach Horrem gehen kann; ich verlasse mich darauf, daß du meinem Wunsche nachkommen wirst. Du hast mir übrigens noch nicht mitgetheilt, welcher Arzt Dir zur Seite sein wird. Kannst Vater sagen, daß der Mobilmachungskopf schon angeraucht ist. Nach Kgswinter habe ich vorgestern geschrieben und werde hoffentlich bald von dort Antwort erhalten. Für heute muss ich schließen indem meine Kaffgesellschaft bald anrückt und ich Kaffe kochen muss.
Viele herzliche Grüße an Euch Alle, insbesondere an dich den herzlichsten gruß & Kuss von Deinem dich treuliebenden Gatten
Julius
Erläuterungen
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Wesel, 29. Mai 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660529.html [Datum des Zugriffs]