Julius an Barbara, Bürrstadt, 4. August 1866
Bürstadt bei Worms
den 4/8 66
Mein herzensliebes Bärbchen!
die schönen Tage von Frankfurt am Main sind vorüber und mit ihnen mancherlei, was dazu beitragen kann, dem Soldaten das Leben angenehm zu machen: am Mittwoch den 1ten Aug. fuhren wir morgens von Frkfurt über Darmstadt nach Bickenbach; hier waren die Schienen aufgebrochen und traten wir unseren Marsch an längst? der Bergstraße; um 12 Uhr traten wir an und abend 9 Uhr kamen wir sehr ermüdet nach Bürstadt, das befohlene Ziel unserer Reise. Nachts 12 Uhr begann der Waffenstillstand und konnten wir also nicht weiter; Bürrstadt liegt 1/2 Stunden von Worms und ist ein sehr armer Ort en wir vollständig ausfressen? wenn wir noch 8 Tage drin sind; es geht desshalb auch heute schon eine Kompagnie fort nach Lambertheim z? stunden? von ??? heim? Ich habe Quartier beim Schullehrer und bin vondem weichen2| sanften Pfuhl (?) bei Erlanger wieder auf ganz gewöhnliches Stroh gekommen welches ich mit meinen Briefchen ander Erde theile; heute Morgen habe ich eine erste Butter? gesehen; über mein Essen und die sonstige Reinlichkeit im Hause will ich meine Beschreibung machen; es kommt mir inder That nach dem Aufenthalt bei von Erlanger hier gräßlich vor und vergehen wir fast vor Langeweile
Gestern bin ich mit meinen Kompagnieführer nach Worms geritten, um mir diese alte Reichs (?) stadt anzusehen; zur Erinnerung an meine dortige Anwesenheit übersende ich dir beiliegend Ansicht des Domes; man hätte uns sehr gerne dort als Einqaurtierung gehabt indessen der Soldat handelt nur nach Befehl und konnten wir also nicht dorthin (?); Gepäck der Leute ist in Frkfurt geblieben was vermuthen lässt daß wir wieder dorthin zurückgehen, wir wollen es abwarten und einstweilen mit unserm Schicksal in Bürstadt zufrieden sein. Bis heute habe ich noch keinen Brief3| über dich und unseren Sohn erhalten und bin ich desshalb in nicht geringer Angst; durch unseren Abmarsch von Frkfrt laufen die Briefe wieder in der Welt herum indem auf der Feldpost eine gewaltige Konfusion herrscht; hoffentlich befindest du dich wohl und ist der Verlauf des Wochenbettes von günstiger (?); was muß du eine Freude haben, ander Seite unseres Erstgeborenen liegen zu können und mit welchem Stolz werden Großpapa und Großmama auf ihren Enkel herbschauen; gewöhne ihn nur sogleich an Ordnung und Pünktlichkeit namentlich im Schauken (?); die Wiege habt ihr doch auf Holz gestellt indem ich (sie) gegen das Wiegen bin. Bleibe nur recht lange im Bette auf dem Rücken unausgesetzt liegend; du hast gesehen, welche üble Folgen das Frühaufstehen hat; wenn die junge Wöchnerin auch glaubt stark zu sein, so ist dieses dennoch nicht der Fall und beruht meistens (?) auf Täuschung; ich erwarte vondir daß du in diesem Punkt ein4| ebenso kluges und vernüftiges Fräuchen bist wie in allenandern Punkten; ich sehne mich in der That sehr danach, nächstens wieder von dir geschriebene Briefe zu erhalten, wann indessen einstweilen noch nicht zu denken ist
Das von Frkfrt gesandte Kistchen, worin Cigarren und die Geschenke von Frau v. Erlanger hast du hoffentlich erhalten; Mutter soll sich eine Brosche oder was ihr sonst gefällt, davon aussuchen; das Uebrige heben wir auf, um darüber zu bestimmen und soll es uns dabei nicht gehen wir weiland mit den von Oste geschenkten Knöpfen.
Vater wird wohl täglich aus der Feldzugspfeife rauchen; an Cigarren hat er ja auch keinen Mangel Hoffentlich erhalte ich noch heute einen Brief über dich und unsern Erstgeborenen, der mich beruhigen wird
Herzliche Grüße an Alle, insbesondere an dich den herzlichsten Gruß und innigsten Kuss von de... en Gatten
Julius
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Bürrstadt, 4. August 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660804.html [Datum des Zugriffs]