Julius an Barbara, Harburg, 23. Juni 1866
Harburg den 23/6 66
Mein herzensliebes Bärbchen!
Hoffentlich hast Du meinen von hier geschriebenen Brief erhalten und darauf entnommen, daß ich noch gesund und wohl bin; ich erwarte nunmehr auch das Paquet mit Wäsche welches mich hoffentlich noch hier erreichen wird; ich bin mit 100 Mann hier zurück geblieben und augenblicklich Stadtcommandant von Harburg, indem Alles Andere nach Hannover abmarschirt ist; Morgen Sonntag 11 Uhr 20 Minuten reise auch ich nach Hannover ab wo dann Alles wieder beisammen ist; deine telegraph. Tepesche kann also nunmehr unterbleiben und wünsche ich einfachen Brief, nicht mit der Bezeichnung Feldpostbrief was zu lange dauert; adressire also einfach: Sek. Lieut. D. bei der 2ten Komp. 4ten Westph. Landwehr Reg. (Nr. 17)
Du siehst also, daß wir wieder auf dem Marsch kommen, nur mit dem Unterschiede, daß wir jetzt mit der Eisenbahn fahren; Hannover ist von Truppen , indem sich Alles nach Göttingen gewandt hat; wahr2|scheinlich bilden wir dort die Besatzung; man kann jedoch nichts Bestimmtes angeben, da wir von einem Ort zum andern wandern.
Morgen ist der 24te und kannst Du dir leicht vorstellen, daß ich namentlich jetzt im Geiste an Deiner Seite bin. Armes, geliebtes Weib, sei standhaft und gedanke der Freude Mutter zu werden, die dich Alles Andere überweinden lässt. Hoffentlich geht Alles vorüber, wie Du es wünschen wirst; halte nur strenge an die gegebenen Vorschriften und lasse dich durch Niemanden verleiten davon abzugehen, indem es Dir sehr nachtheilig sein könnte; du kennst hierin meine Ansichten und weißt wie ich gerne sehe, wenn danach gehandelt wird. Bleibe recht lange oben und hüte dich vor jeglicher Aufregung.
Ich bin damit einverstanden, daß die Vornamen lauten: Franz Clemens Julius im Falle, du mir ein Söhnchen schenkst daß die Vornamen lauten: Maira Juliane, im Falle du mir ein Töchterchen schenkst; hoffentlich gelingt es mir, zur Kindtaufe anwesend zu sein; setze dieselbe nicht zu rasch an, damit ich Zeit habe, einzutreffen, wenn mir solches gestattet wird.
Die von Lüneburg gesandten Sachen3| sind hoffentlich gut angekommen; ich hätte ein Mehreres gethan, doch musste ich mich nach meiner Decke strecken (?).
Gestern habe ich mit mehreren Offizieren wieder eine Reise nach Hamburg gemacht, wohin man von hier nur in 3/4 Stunden per dampfschiff fährt; Wir waren im Zoologischen Garten und haben uns namentlich das weltberühmte Aquarium angesehen, dasselbe enthält fast sämentliche Meeresungethier, welche sich auf dem Boden befinden und hätte mir Alles noch besser gefallen, wenn ich dich an meiner Seite gehabt hätte; doch Du warst fern von mir, wast getrennt durch Strom und Berg. Hamburg ist eine großartige Stadt und habe ich mir vorgenommen, mit dir dorthin zu reisen; sobald unsere Verhältnisse solches gestatten werden; namentlich ist Hamburg zur See großartig und siehst Du dort einen Wald von Mastbäumen der Schiffe aller Nationen, was mir ganz neu war. Im Uebrigen ist das Leben sehr theuer in Hamburg und keinen Ort für einen Lieutenant mit 19·22·6 monatlich.
Du schriebst mir, das greste (?) Aufgebot4| sei mobil gemacht; haen denn die Mannschaften Einberufung erhalten; wir waren sehr erstaunt über diese Nachricht, indem es ja noch zu keiner Schlacht gekommen ist; auch sind keine Offiziere zum Kommandiren vorhanden, indem die Offiziere des 2ten Aufgebots bei der Landwehr ersten Aufgebot einberufen sind.
Bis heute habe ich weder von Hause, noch auch sonst von Jemand Brief erhalten, obgleich ich darum nach allen Richtungen geschrieben hae; du bist meine einzige und Hauptcorrespondentin, mit der ich natürlich am liebsten mich unterhalte, wenn es mir auch zuweilenschwer fällt, meine Gedanken zu Papier zu bringen, indem ich durch die vielen Strapazen etwas stumpfsinnig geworden bin; doch schreibe ich ja an mein liebes Herzens-Weibchen und das nimmt es nicht gar zu strenge.
Lebe wohl und halte dich tapfer und standhaft in den kommenden Tagen; einstweilien glaube ich noch immer, daß Alles gut vorüber gehen wird und wir baldigst wieder zusammen sein werden; viele herzliche Grüße an Vater, Mutter & Ohm Anton, insbesondere an dich, mein innigstgeliebtes Weib, von deinem dich immer treuliebenden Gatten
Julius.
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Harburg, 23. Juni 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660623.html [Datum des Zugriffs]