Julius an Barbara, Jenfeld, 13. Juni 1866
Jensfeld 13/6 1866
Mein liebes gutes Bärbchen!
mein letzter Brief an dich war von Dahmke datirt und wirst du denselben hoffentlich erhalten haben; in Dahmke hat man uns auch keine Ruhe gelassen, vielmehr sind wir im Quartier Brooke, gestern Dienstag im Quartier Barsbüttel und heute im Quartier Jensfeld bei Wansbeck 2 Stunden rechts von Hamburg. mit großer Sehnsucht habe ich einen Brief von dir erwartet und konnte ich mir das Stillschweigen nur dadurch erklären, daß inder That nicht schreiben konntest wie du vielleicht unterdessen Mutter, geworden; heute Mittwoch Morgen habe ich vor dem Ausmarsch aus Borsbüttel deinen langersehnten Brief erhalten; derselbe bringt mit günstige Nachrichten von dir und den lieben Deinigen. Um dich meinetwegen zu beruhigen2| habe ich mich im Quartir Jensfeld sofort herbei gemacht, Dir einen Brief zu schreiben, nachdem ich rohen (?) Dreck und Staubd heruntergewaschen habe. Heute habe ich zum erstenmale seit 8 Tagen wieder Aussicht in einem Bett zu schlafen, worauf ich mich in der that sehr freue; Denke dir, gestern lagen wir in einem Dorfe von 30 Häusern zu 800 Mann, ich brauche dir also nicht zu sagen wie schön unsere Quartiere waren; im Übrigen bin ich wohl und gesund und nunmehr an alle Strapazen gewöhnt; wohin unsere Reise geht, wissen wir nicht; ich vermuthe daß man uns einstweilen (?) Ruhe gönnt, da wir heute sehr dünn gurstiert (?) sind und die Oestreicher gestern Morgen abgerückt sind. Es kann indessen noch lange dauern, bevor wir entlassen werden indem das Ende des Dramas noch nicht zu übersehen ist; mit Wasche bin ich bis jetzt noch ausgekommen; das Paquet mit reiner Wasche von dir abgesandt habe ich noch nicht 3|erhalten; die Briefe laufen lange in der Welt herum, bevor wir dieselben erhalten; sobald wir ständige Quartiere haben, ändert sich Alles.
Ich vernehme zu meiner größten Freude, daß Du mit den Einrichtungen für die bevorstehende Entbindung nunmehr in Ordnung bist; du kannst dir leicht vorstellen, wie es mir ums Herz ist, daß ich nicht an deinem Bette sein kann; vertrauen wir auf Gott, daß er uns Muth und Kraft verleihen möge, alle den Prüfungen zu bestehen: die Freude des Wiedersehens wird denn desto größer sein.
Holstein ist ein schönes und gesegnetes Land und werden die Einwohner schon bald erfahren, wie schön es ist, Preuße zu sein; einstweilen kennen sie noch wenig von unsern Steuern und Abgaben, werden indessen Alles erfahren, wenn sie welche (?) geworden sind.4|
Nächster Tage, wenn wir in unserm jetzigen Quartier verbleiben, were ich mit meinem Quartierwirth der ein geborener Hamburger und sein Comptour daselbst hat nach Hamburg fahren, um mir diese großartige Stadt anzusehen. An alle Bekannten und Verwandten habe ich geschrieben, indessen noch von Niemand Antwort erhalten, als von dir, meinem lieben, lieben Weibchen (?), man sieht daraus deutlich, wie die Uebrigen sich für mich interessieren. An Notar Lauff[1] geht heute auch ein Brief ab, auch wohl der letzte, indem ich bei den täglichen Strapazen nur noch Zeit für dich habe, die ich Dir denn auch gänzlich widmen will.
Herzliche Grüße an Alle, die nach mir fragen, insbesondere den herzlichsten Gruß und Kuss von deinem dich immer treuliebenden Gatten
Julius
Adresse: Feldpostbrief etc. bei der 21ten Kompagnie 4ten Westph. L. Re (no 17) in Jenfeld bei Wansbeck Holstein
Erläuterungen
- [1]Notar Lauff: Hierbei könnte es sich um Peter Lauff (1820–1901) handeln, der von 1858 bis 1878 in Kalkar als Notar tätig war.
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Jenfeld, 13. Juni 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660613.html [Datum des Zugriffs]