Julius an Barbara, Kalkar / Wesel, 25. Mai 1866
Calcar oder vielmehr
Wesel den 25/5 1866
Mein liebes gutes Bärbchen!
Du kannst dir kaum vorstellen, mit welcher Freude ich so eben deinen Brief gelesen habe, der mir Alles Gute mittheilt, was ich mir in dieser betrübten Zeit erwarten konnte. Ich bin jetzt beruhigt, und zufrieden mit Allem, was mir beschieden ist und vertraue auf Gott, der Alles zum Besten lenken wird, wenn der Wahnsinn die Menschen ergriffen hat.
Am Montag marschiert die ganze Garnison fort und bleibe ich beim Besatzungsbataillon zurück; ich bin wohl und gesund und halte mich von allen sonstigen kostspieligen Geschichten ferne. Der Kopf ist mir indessen arg versetzt und läuft er mir wund von Tornister Stiefeln, Mänteln etc, indem ich mich bis jetzt fast ausschließlich mit derartigen Sachen befassen musste; die Lauferei hört indessen bald auf und fängt dann der regelmäßige Dienst an; Sorge so schnell als möglich, daß ich einige Paar feine wollene Strümpfe erhalte, indem wir wahrscheinlich auch2| demnächst auf den Marsch und wie ich bestimmt glaube, nach Coeln marschieren, was mir sehr angenehm sein würde, indem ich dann meine gewohnten Reisen (?) wieder machen könnte.
Doch einstweilen ist Alles unbestimmt und thut man seinen Dienst wie befohlen wird; ich habe verschiedene Nebenposten erhalten, unter Anderem bin ich zum untersuchungsführenden Offizier ernannt, was namentlich 3 Thlr macht; mein Kompagnieoffizier ist der Stadtbaumeister von Duisburg[1] Vater von 4 Kindern; o Monakow (?) ist wieder abgereist, weil er krank geworden; Wir Uebrigen sind gesund und bekommt mir der massenhafte Staub ganz gut. Wesel ist eine krummstraßige (?) und schwierige Stadt und namentlich gesegnet mit einer dicken Sorte von Wanzen und Flöhen, wovon unsere Landwehrleute schon zu erzählen wissen; Apotheker Mankoch? ist nichtmehr Apotheker hierselbst, da er für 47000 Thlr verkauft hat.
Vom Auspacken der Sachen hast du mir nichts geschrieben; hoffentlich ist Alles wohlerhalten angekommen und fängst Du an dich auf die kommen3|den Tage vorzubereiten; Gott gebe seinen Segen zu Allem, was da kommen wird.
Nach Königswinter werde ich inden nächsten Tagen ebenfalls einen Brief abgehen lassen, damit Vater und Mutter beruhigt sind.
Wenn Du mir Sachen schickst, so lasse dieselben im Schließkorb abgehen, den ich hier gut benutzen kann.
Mein Bursche ist Familienvater von 4 Kindern und seines Standes Gärtner wohnhaft in Wesel.
Vater und Mutter werden hoffentlich nebst Ohm Anton wohl und gesund sein, wozu ich mich baldigst zu überzeugen denke.
Bestelle mir bei Heinr. Alken eine Flasche Chinabitter, lasse sie wohl verpacken und mir dann nächstens recht fest in Heu gewickelt mit den Strümpfen zugehen; der Chinabitter hält den Magen in Ordnung und ist mir immer gut bekommen, wenn ich in unregelmäßiger Kost gelebt habe.
Sei im Uebrigen muthig und gefasst liebes Herzens-Frauchen; und wenn es uns auch sehr schwer ist unser Leid zu ertragen so muss uns das noch größere Leid Anderer ein trotz4|sein.; du bist unter elterlichen Schutz und Obhut, das ist die Hauptsache, ich bin einstweilen ohne Gefahr, wenn auch meinen sonstigen Verhältnissen entrissen.
Sei standhaft und denke an das jenige Pfand welches Du unter dem Herzen trägst.
Lebe wohl und schreibe bald Deinem dich treuliebenden dich herlich umarmenden Gatten
Julius
Erläuterungen
- [1]Stadtbaumeister von Duisburg: Vermutlich handelt es sich um Christian Roudolf.
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Kalkar / Wesel, 25. Mai 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660525.html [Datum des Zugriffs]