Julius an Barbara, Hannover, 1. September 1866
Hannover 1/9 1866
Mein herzensliebes Bärbchen!
Wenn mein letzter Brief, wie ich aus deinem am Freitag hier eingetroffenen Briefe ersehe, deine süßen Hoffnungen auf baldiges Wiedersehen in Etwa erschüttert hat, so hoffe ich nunmehr mit Bestimmtheit daß der hier folgende Brief dich in Etwa beleben wird; ich will dir nämlich zunächst mittheilen, daß am 5ten September hierselbst die ersten Truppen eintreffen welche für hier zur Garnison bestimmt sind; wir vermuthen nun alle, und gewiss mit Recht, daß wir entweder noch vor dem 9ten September, jedenfalls längstens Ende der kommenden Woche zu Hause sind; du kannst dir leicht vorstellen wie ich schleunigst von Wesel nach Calcar und von dort wieder nach Bergheim eilen werde, um dich und mein Kind in meine Arme zu nehmen; ich verlange sehr mit meinen Kameraden danach, von hier fort zu kommen, indem es uns Allen sehr langweilig hier ist; alle Häuslichkeit ist verloren und wirst du Mühe haben, mich wieder in bestimmte Grenzen zu bringen;2| Schneide dir bei Zeiten einen tüchtigen Steck und schlage zu, wenn der heimkehrende Krieger nicht folgen will; damit du nun für alle Zeiten ein Bild von dem Ende der Feldzüge hast, übersende ich dir angelegen meine schließliche Photographie; du wirst sagen „Schon wieder mal photographiert, hätte das Geld auch besser verwenden können“, es nicht meine Schuld; der Obrist sollte ein Photographiealbum erhalten von sämmtlichen Offizieren; bei dieser Gelegenheit sollten sich die Offiziere ihre Photographien austauschen, ich musste theil nehmen und so schwächte ich meinen Geldbeutel um 3 Thl 20gr – ist das nicht bitter; so findet man fortwährend Gelegenheit seine Thalerchens los zu werden.
Worauf ich mich sehr freue, ist die Verwirklichung meines Wunsches, am 9ten Septemb. dem Tage unserer ehelichen Verbindung bei dir sein zu können; wahrscheinlich mußt du wieder ängstlich vor mir sein und dich, wie im vorigen Jahre, geniren! Richte es so ein, daß wir im Hochzeitslokale essen und uns dieses schönen Tages erinnern können; ich träume schon jetzt davon; wir machen dann auch ein Pfirsichbölchen und wollen anstoßen auf die Freude des Wiedersehens.3| Der liebe Gott hat mich da bis jetzt gesund und wohl erhalten und wird mir das Glück und die Freude vergönnen, auch gesund und wohl indie Heimath einziehen zu können; ich habe die Freude, Vater geworden zu sein, bis jetzt nur oberflächlich empfunden; ich werde dieselbe erst recht genießen, wenn ich mit Dir und unserm Erstgeborenen zusammen bin. Es freut mich sehr, daß du wieder eim alten Geleise bist und das Glück Mutter geworden zu sein, nunmehr recht empfinden kannst; deine Beschreibung über unsern kleinen hat mich so gerührt daß ich weinen musste, jedoch nur desshalb, weil ich mir bis nur von ihm hebae erzählen lassen und ihn nicht habe von Angesicht zu Angesich schauen können.
Hoffentlich fährst Du in der Lektion des Amman/Ammon fort, was ich dir nur empfehlen kann, indem darin sehr gute Winke gegeben sind.
Was unsere Uebersiedlung nach Calcar betrifft, so bin ich der Ansicht, daß wir nach beendigter Bergheimer-Kirmes dorthin reisen; bis dahin will ich dir und mir einige Freuden erlauben und mich von dem unregelmäßigen Leben erholen; du sollst mir während dieser4| Zeit den Kopf wieder zurecht setzen und ziehen wir dann frohen Muthes wieder in unsere Häuslichkeit ein; mit welcher Kraft und Ausdauer wollen wir dann wieder gemeinschaftlich arbeiten und uns erfreuen der Gegenwart.
An Dr. Iltgen habe ich heute Gratulationsschreiben abgehen lassen; also ein Knabe zu dem Mädchen, ein nettes Pärchen bei uns umegekehrt ein Knabe, worauf dann villeicht ein Mädchen folgen könnte; wegen der Verrechnung habe ich Iltgen auch eine Nase (?) gegeben. Meine Wesche geht stark aueinander und ist es hohe Zeit, daß die Hausfrau solche revidirt; auch meine Stiefel sind defekt geworden, nachdem sie die deutschen Bundesstaaten 2mal abgelaufen haben; wird schon Alles wieder in Reihe komen.
Vater Mutter & Ohm Anton sind wohl und werden hiermit herzlich von mi rgegrüßt; insbesondere aber an Dich den herzlichsten Gruß und innigsten Kuss von deinem dich treuliebenden
Julius
Den Tag meiner Ankunft werde ich jedenfalls mittheilen; ich treffe Abends mit der Post ein.
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Hannover, 1. September 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660901.html [Datum des Zugriffs]