Julius an Barbara, Recklinghausen, 4. Juni 1866
Recklinghausen
bei Dortmund 4/6 66
Mein Herzensliebes Bärbchen!
Heute sollen wir ausruhen von dem 2 tägigen, in der That schrecklichen Marsche von Wesel über Dorsten nach Dortmund; ich will dir zunächst mittheilen, daß ich ganz gesund und wohl bin; von Wesel bis Dorsten 6 Stunden – ein sehr anstrengender Marsch – Aufbruch Morgens 7 Uhr Ankunft in Dorsten Nachmittags 4 Uhr – fürchterliche Hitze, wodurch sehr viele Kranke; ich hatte Quartier beim Apotheker und war gut aufgehoben; gestern Sonntag Morgens Aufbruch von Dorsten 7 Uhr – Ankunft in Recklinghausen Nachmittags 3 Uhr – habe in der That niemehr einen gräßlichern Marsch gehabt – denke Dir – der ganze Weg 7 Stunden nur Sand, glühend heiß bis über die Knöchel. Gott hat uns beschützt und sind wir mit2| Ausnahme einiger Kranken glücklich hier angelangt, von der Sonne verbrannt, wie gesottene Krebse. Bin wieder in gutem Quartier bei einem Herzogl. Arembergschen Domeinenwarth (?), sehr artige Leute und Familie mit 8 Kindern.
Morgen Dienstag marschieren wir von Recklinghausen nach Dortmund nehmen daselbst Quartier und fahren dann am Mittag per Eisenbahn von dort bis Minden, woselbst wir Abends ankommen; dort erhalten unsere Mannschaften warme Kost und von dort fahren wir die ganze Nacht durch nach dem nun erworbenen Lauenburg, woselbst wir Besatzungstruppe werden sollen; gestern erhielten wir hier den unsern Marschroute abändernden Befehl; ein Blick auf die Karte wird dir Auskunft geben, wo ich nächstens sein werde. Lauenburg liegt rechts von Hamburg und zweifle ich nicht daran daß wir dort gefahrlos aufgehoben3| sind.
So wird mir dann die Möglichkeit gänzlich genommen, dich, wie ich beabsichtigte, baldigst wiederzusehen und bin ich desshalb nicht wenig verstimmt; Gott wird uns hoffentlich Alle beschützen und glücklich wiederzusammen führen; sobald das Ziel unserer Reise erreicht ist, werde ich dir umgehends schreiben und kannst du denn sofort Hemder Unterhosen und Strümpfe für mich abgehen lassen; ich habe hier Einiges waschen lassen und komme noch für einige Tage aus.
Die Hitze ist hier schrecklich und bin ich froh, daß wir baldigst gefahren werden; ich bin furchtbar verbrannt und noch wie ein Krebs und wirst du mich schwerlich wiedererkennen, wenn ich demnächst meinen Erstgeborenen besuchen kann; du kannst dir leicht vorstellen, wie ich im Geiste Alles mit dir durchlebe, was bevorsteht und4| wie es mir sehr nahe geht, daß ich grade jetzt nicht bei dir sein kann wo das Weib am liebsten sich seinem Manne anvertraut. Es ist mir ein großer Trost, daß du bei den Eltern bist, wenn auch im Uebrigen unser Leid groß ist Viele Andere sind in ähnlicher und vielleicht noch schlimmerer Lage und muss man sich am Unglück Anderer emporrichten, du kannst meinetwegen ruhig sein, einstweilen ist keine Gefahr vorhanden und hoffentlich wird der Friede uns baldigst wieder zur Heimath führen; denke dir, gestern Abend saßen wir in einem hiesigen Hotel beim Schippen; auf der Wand war in Fresko das Siebengebirge mit Königswinter und Rolandseck gemalt – ich brauche dir nicht zu sagen, welche Gefühle in meiner Brust erwachten, die Thränen kamen mir in die Augen beim Anblick meiner Heimath, von der ich nun verschlagen bin und noch weiter verschlagen werden soll.
Mein Brief wird dich hoffentlich in bestem Wohlsein antreffen viele herzliche Grüße an Euch Alle, insbesondere auch an dich von deinem dich immer treuliebenden Gatten Julius
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Recklinghausen, 4. Juni 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025–2026. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660604.html [Datum des Zugriffs]