Julius an Barbara, Frankfurt a. Main, 19. Juli 1866
Frankfurt a/Main 19/7 66
Mein herzensliebes Bärbchen!
Heute Nachmittag 3 1/2 Uhrsind wir glücklich in Frankfurt a/Main angekommen und habe ich mit meinem Kompagnieführer ein sehr feines Quartier; ja, ich möchte sagen, ich wohne wie ein Fürst, denn mein Quartierwirth ist der Baron Erlanger, Banquier und Consul, Bockenheimeranlage No. 6 (neu). In meinem Leben bin ich so fein nicht bedient worden, als heute beim Mittagessen, welches um 6 Uhr begann; der herr Baron nebest Frau Baronin, jedoch keine Tochter, sondern nur Söhne und Schwiegersöhne; die Bedienten im Livré Frack und weißen Handschuhen, mit sehr klug dreinschauenden Gesichtern, die zu sagen scheinen, daß schließlich ein gutes Trinkgeld von uns abfällt; werden sich aber gewaltig täuschen. Doch, nun wil ich aufhören, indem ich annehme, daß du dich wenig für solche Geschichten interessierst auch davon überzeugt bist, daß ich mir für meine Person wenig daraus mache, ja, weiß Gott, was2| darum gäbe, wenn ich jetzt mit dir unsere stille schöne Häuslichkeit einnehmen könnte.
Auf der Fahrt von Gießen nach Frankfurt saß ich bei Pater Uhles und 4 Nonnen, welche zur Krankenpflege hierhin reisten; ist das nicht höchst sonderbar, wie man sich im Leben begegnet; wenn ich auch Pater Uhles noch nicht kannte, vielmehr erst kennen lernte, so hatte ich doch eine innige Freude, Jemand gefunden zu haben, mit dem ich ein Wort aus meiner zweiten Heimath sprechen konnte; in Frkfrt angekommen trennten wir uns mit den besten Wünschen für unser Wohlergehen; was un hier aus uns werden soll, wissen wir nicht, es ist eine Masse Militair hier versammelt und bei den Bürgern einquartiert.
Einen Brief von dir, und namentlich den langersehnten Brief habe ich bis heute Donnerstag Abend, wo ich dieses schreibe, noch nicht erhalten; hoffentlich trifft derselbe baldigst ein und befreit mich aus der Aufregung, inder3| ich mich nunmehr fortwährend befinde. Mein Paquet von Gießen und den Brief von dort wirst du wohl erhalten haben; in Gießen hat es mir sehr gut gefallen und habe ich während meiner Quartierzeit einiges Familienleben genossen, sogar mit meinem Quartierwirth, der ein ausgezeichneter Violinspieler ist, auf dem Klavier musiziert, was mir sehr wohl gethan hat; in meinem jetzigen Quartier steht ein schöner Flügel von Erard, den ich indessen noch nicht versucht habe; will abwarten, was der Herr Baron befehlen wird.
Von Gießen habe ich an Vater und auch an Thereschen geschrieben und mein Bildniss dorthin gesandt; Hoffentlich hat daselbe gefallen.
Es ist bereits halb 12 Uhr Nachts und ist es daher Zeit für den Familienvater zu Bette zu gehen. Hoffentlich trifft dich auch dieses Schreiben in bester Gesundheit an und liegst du vielleicht schon als glückliche Mutter an der Seite deines Kindchens; Du siehst, mit welchen Gedanken4| ich mich beschäftige und kannst Dir meine sonstigen Gefühle ausmalen: ich bin fern von dir und kann den Raum nicht so geschwind durcheilen, wie ich gerne wollte: Gott der Allmächtige stärke dich und mich für Alles was noch kommen wird; ich gebe Dir im Geiste einen recht innigen Kuss und drücke dich an mein Herz, das nur dir allein gehört. Gute Nacht, geliebtes Weib, du bist im geiste bei mir und nehme ich dich in meine Arme.
Herzliche Grüße an Vater, Mutter und Ohm Anton von deinem dich treuliebenden Gatten
Julius
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Frankfurt a. Main, 19. Juli 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660719b.html [Datum des Zugriffs]