Julius an Barbara, Stade, 26. Juni 1866
Stade den 26/6 66
Mein Herzensliebes Bärbchen!
Am Montag Morgen sind wir von Harburg nach Stade, 4 Stunden von der Nordsee, gefahren und liegen wir nunmehr am westlichsten Winkel Deutschlands; mein von Harburg gesandtes Paquet wirst Du hoffentlich erhalten haben; zu meiner größten Betrübniss erfahre ich von den von Hannover herüber gekommenen Kameraden, daß ein Brief für mich vorhanden, indessen verloren gegangen sei; wahrscheinlich ein Brief von meinem herz geliebtesten Frauchen, den ich mit Schmerzen erwartete; der Adjudant hat die Briefe im Eisenbahncoupee sortirt und ging der für mich bestimte verloren, was unverantwortlich ist und weshalb ich ihm einige Worte gesagt habe, so muss ich denn wieder auf den nächstfolgen2|den Brief hoffen, den Du direkt hierhin adressiren kannst ohne Bezeichnung als Feldpostbrief.
Von Notar Lauff erhielt ich auch gestern einen Brief; Alles ist wohl und gesund und beklagt sich der Notar, daß seine Frau zu corpulent würde und fürchtete es mit Zweien zu tun zu haben. Frau v. d. Grinten sei auch „am Ende“ und solle er für mich dich Pathenstelle (?) versehen.
Wir liegen hier zu 3 Kompagnien und sind sehr stark mit Einladen der eroberten Gegenstände beschäftigt, deren Werth über 3 1/2 Millionen beträgt; wahrscheinlich haben wir damit lang zu thun, indem die Gegenstände massenhaft vorhanden sind; wenn wir jetzt nur wieder hier weg kommen, so wird hoffentlich der Friede geschlossen sein und Preußen die schönen Früchte desselben für lange Jahre genießen, wir haben dann auch nicht3| unentgeltlich die vielen Millionen verausgabt und Gut und Blut aufs Spiel gesetzt.
Im Uebrigen bin ich wohl und gesund; die Hitze ist unausstehlich und bin ich froh, daß wir nicht mehr auf dem Marsche sind und der Ruhe pflegen können.
Wie geht es dir denn bei der großen Hitze un ddeinem körperlichen Zustande, der sich hoffentlich baldigst ändern wird. Es ist mir sehr traurig ums Herz, daß ich nunmehr so fern von dir bin und gar keine Aussicht habe, nach Eintritt des Ereignisses zu dir zu eilen; von Hannover aus wäre mir solches leicht gelungen, jetzt sehe ich keine Möglichkeit dazu. Ich kann fast nicht mehr schlafen, indem ich fortwährend mich mit Dir beschäftigen muss und mir Alles durch den Kopf geht, was Dir nunmehr bevorsteht.4| Der Allmächtige stärke dich und beschütze dich in Allem, was da kommen wird; ich lebe in der Freude des baldigen Wiedersehens und muss mich damit begnügen, hoffentlich wird Alles für dich zur Hand sein und du Alles haben, was dein Herz verlangt; lebe streng nach den gegebenen Regeln, von denen du nicht abweichen sollst; es wird dann Alles gut vorrübergehen; halte dich sehr lange oben und hüte dich vor Durchzug und Erkältung.
Gott dem Herrn empfehle ich Dich und setze auf ihn mein ganzes Vertrauen; hoffentlich verleiht er mir die Gnade, dich demnächst als mein treuliebendes Weib mit dem Unterpfand unserer innigsten Gattenliebe an mein Herz zu drücken.
Herzliche Grüße an Alle, insbesondere an dich von deinem dich immer treuliebenden Gatten
Julius
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Stade, 26. Juni 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660626.html [Datum des Zugriffs]