Julius an Barbara, Frankfurt am Main, 20. Juli 1866
Frankfurt a/Main
20/7 1866
Mein herzensliebes Bärbchen!
Heute Morgen habe ich für dich einen Brief auf die Post gethan, den ich dir gestern Abend geschrieben hatte; derselbe ist hoffentlich in deinem Besitz; heute Nachmittag drängt es mich schon wieder, mich mit dir zu unterhalten, indem ich inder That nichts Besseres zu thun weiß.
Auf meinem Sparziergange habe ich dir beifolgendes Bildchen gekauft; wenn du nun auch noch nicht ganz so weit bist, wie jene auf dem Bilde dargestellte Mutter, so bist Du doch auf dem Wege dazu, indem du hoffentlich nunmehr an der Seite unseres Erstgeborenen liegst. Was gäbe ich wohl, wenn ich augenblicklich wüsste, ob meine Vermuthunen in Wahrheit beruhen; ich weiß indessen bis jetzt Nichts und muss also meinen schönen Traum weiter träumen: gebe Gott daß es sich verwirklicht haben möchte und durch einen, morgen2| einlaufenden Brief Bestätigung finden möchte.
Ueber unser Verweilen hierselbst ist noch gar nichts bestimmt; es verlautet, daß wir als Besatzung hierselbst verbleiben; heute Abend soll der Befehl bekannt gemacht werden; in Mainz sind noch Bundestruppen; die übrigen Bundestruppler sind schon weit weg von hier und scheinen genug zu haben; unsere Truppen stehen heute in Darmstadt und werden dann auch sehr bald in Karlsruhe sein; von dort geht es nach Stuttgart und München und ist dann der ganze Stall ausgefegt; die Entscheidung beruht (?) in Böhmen respektive nunmehr in Wien, wo unsere braven Truppen nunmehr angelangt sein werden, hoffentlich wird es dort zum Frieden kommen oder aber noch eine sehr blutige Schlacht gehauen werden, wodurch dann Oesterich vollständig zur Besinnung kommen wird; Preußen wird nicht eher ruhen3| als bis ihm solches gelungen ist um Oesterich seine wohlverdiente Strafe ausgetheilt zu haben.
Für heute schließe ich meinen Brief mit dem Wunsche, daß mich der morgige Tag aus meinen langen Träumen befreien möge und ich einen Brief über dich oder von dir erhalte.
Viele herzliche Grüße an Alle, insbesondere aber an dich den herzlichsten Gruß und innigsten Kuss der Gattenliebe von deinem dich treuliebenden
Julius
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Frankfurt am Main, 20. Juli 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660720.html [Datum des Zugriffs]