Julius an Barbara, Frankfurt am Main, 24. Juli 1866
Frankfurt a/Main
25/7 1866
Mein herzensliebes Bärbchen!
Zu meiner größten Freude erhielt ich gestern Abend deinen lieben Brief vom 19ten Juli, aus welchem ich ersehe, daß du noch immer mein flottes Bärbelchen bist und dich von deiner Last noch immer nicht getrennt hast; ich war wieder sehr erstaunt als ich das Couvert von deiner Hand geschrieben sah; thut nichts, halten wir bis um ende aus, einmal muss es doch kimmen und werden wir dann noch immer Freude genug haben; wie es scheint, haben wir uns gewaltig verrechnet, indessen ist es besser, zu spät, als zu früh niederzukommen; jedenfalls ist das Kindchen dann mehr lebensfähig.
Es freut mich sehr, daß du noch fortwährend so gesund und munter bist und die Schwangerschaft einen so schönen Verlauf hat; vertrauen wir auf Gott, den Allmächtigen, daß Alles glücklich zu Ende führen wird. 2| Wie du siehst bin ich noch immer in Frkfurt a/Main und in meinem Quartier bei Herrn Baron von Erlanger fürstlich aufgehoben; die Familie hat die anfängliche Steifheit gänzlich abgestreift und fängt an gemüthlich zu werden; in meinen gestern an Mutter abgesendten Briefe habe ich das Nähere darüber mitgetheilt.
Unterm 21ten Juli ist ein 5tägiger Waffenstillstand mit Oestreich abgeschlossen und sollen die Friedenspraeliminarien schon unterzeichnet sein[1]; unser Quartirwirth theilte uns mit, daß eine Depesche aus Paris angekommen sei, wonach an der dortigen Börse Aehnliches angeschlagen gewesen; wir leben hier in einer Mausefalle und hören nichts von dem jenigen, was draußen geschieht; sollte nun der Waffenstillstand auch die süddeutschen Staaten begreifen[2], so zweifle ich nicht mehr daran, daß der Friede ein allgemeiner sein wird, einstweilen ist noch keine Gefahr hier vorhanden; Mainz ist noch von einem Theile der Bundestruppen besetzt, was indessen nicht viel zu bedeuten hat, da die Besatzung keine sehr große Lust zum Kampfe3| hat; die bairische Armee ist direngege selbständige Masse und gegen diese ist unsere Hauptmacht imstiden (?) nunmehr marschirt; ob nun Baiern angesichts des Friedens mit Oestreich sich auch zur Ruhe begibt, wird sich in diesen Tagen entwickeln.
Sei also einstweilen ohne Besorgniss und rege dich nicht auf: Gott hat mich bis jetzt beschützt und wird mich auch ferner dir erhalten. Beifolgend das sehr gelungene Bildniss meines Kompagnieführers Premierlieutenant Keller, Bürgermeister von Duisburg; derselbe lässt dich grüßen und bittet wiederholt um baldige Erledigung des Rekruten.
Von hier habe ich dir meinen Brief mit einem Bildchen abgeschickt, den du wohl erhalten haben wirst; von Gießen sandte ich am 19ten d. M. ein kleines Paquet, gez. B. D. Bergheim, Rheinprovinz; dasselbe wird hoffentlich nunmehr angekommen sein; andernfalls wolle Ohm Anton auf die Post gehen, die Signatur angeben und dann einen Laufzettel4| nach Gießen abgehen lassen. Dein unterm 14ten nach Stadte addressirter Brief ist mir bis jetzt nicht zugegangen; gestern haben wir überhaupt wieder die ersten Briefe erhalten, indem dieselben alle eine Kreuz und Quere Reise angetreten hatten.
An Beaco (?) werde ich keine Miethe bezahlen, sondern abwarten, bis ich dort hin zurpckkehre.
Viele herzliche Grüße an Vater, Mutter Ohm Anton, insbesondere tausend Grüße und Küsse von Deinem dich immer treuliebenden Gatten
Julius
Erläuterungen
- [1]5tägiger Waffenstillstand mit Oestreich abgeschlossen und sollen die Friedenspraeliminarien schon unterzeichnet sein: Ab dem 22. Juli, 12 Uhr galt eine Waffenruhe, während in Nikolsburg über einen Vorfrieden verhandelt wurde. Dieser wurde allerdings erst am 26. Juli unterzeichnet.
- [2]sollte nun der Waffenstillstand auch die süddeutschen Staaten begreifen: Die Waffenruhe wie auch der Vorfrieden betraf unmittelbar nur Österreich, der Krieg mit den süddeutschen Staaten dauerte bis zum Waffenstillstand am 1. August 1866 an.
Zitierempfehlung
Julius an Barbara, Frankfurt am Main, 24. Juli 1866. In: Julius & Barbara. Ein rheinischer Familienbriefwechsel aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Herausgegeben von Stefan Dumont. Berlin 2025. URL: http://julius-und-barbara.de/D18660724.html [Datum des Zugriffs]